Italien hat ein Glücksspielproblem – Was kann Deutschland lernen?

Italien gilt als einer der Staaten, die ein Glücksspielproblem haben. Es heißt in keinem anderen bedeutenden Land sei die Rate der Glücksspielsucht so groß, wie sie es in Italien ist. Schuld sind die vielen Glücksspielautomaten, die man in Italien an fast jeder Ecke findet. Hier gab es vor etwa 15 Jahren eine übertriebene Liberalisierung des Marktes. Mit Steuergeldern die durch Glücksspielkommen wollte man schnell und in Unvernunft marode Kassen füllen. Seither bietet in manchen Gebieten, etwa in Mailand, fast jedes Café auch Geldspielautomaten an.

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Auf 125 Einwohner kommt ein Automat, sagen die Statistiken. Und jeder gibt etwa 1500 Euro jährlich für Glücksspiel aus. So viel, wie sonst in keinem anderen größeren Land. Schreckenszahlen, die auch von Glücksspielgegnern stammen, tatsächlich aber zuzutreffen scheinen. Die Regierung will diesem scheinbaren Problem nun den Kampf ansagen, stößt aber auf diverse Probleme. Nicht zuletzt steht das Problem der Finanzierung. Denn auch die Regierung würde unter einem Wegfall der Automaten leiden. Hier entgingen Millionen über Millionen an Steuereinnahmen, die das teils recht marode Land dringend braucht.

Schreckensbilder – Mit einiger Wahrheit

Tatsächlich ist eines Fakt: Wenn eines der bei Deutschen recht beliebten Länder ein echtes Glücksspielproblem hätte, dann wäre es wohl Italien. Letztendlich ist es sogar für Urlauber klar ersichtlich. Achtet man darauf, dann wird man in Italien beinahe immer eine Möglichkeit finden am Automaten zu spielen. Die Statistik von 125 Einwohner, die sich einen Spielautomaten teilen müssen, mag auf den ersten Blick nicht vielsagend sein. Vergleicht man dies mit deutschen Zahlen, dann kann beispielsweise Nordrheinwestfalen genannt werden. In dem Bundesland kommen etwa 380 Einwohner auf einen Automaten. Bundesweit sind in Deutschland sogar 470 Einwohner pro Automat gezählt worden. Diese Zahl ist einige Jahre alt, seither gab es aber eher mehr Regulierung, als weniger. Geht man also davon aus, dass die Branche dennoch gewachsen ist, dann werden es aktuell heute dennoch 450 Einwohner mindestens sein, die sich in vielen Gebieten Deutschlands einen Automaten teilen müssen.

Die Lage in Italien ist also durchaus eine andere, als wir sie in Deutschland kennen. Dementsprechend sind solche Berichte, die unter andrem auch vom renommierten Wall Street Journal aufgegriffen wurden, durchaus eine ernste Angelegenheit. Auf Deutschland allerdings lassen sich diese beunruhigenden Zahlen in keiner Weise übertragen.

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Interessantes Bild Italien

Interessant ist es aber dennoch, wie Italien mit seinem Glücksspielproblem umgeht. Denn hier lassen sich jetzt und in Zukunft sicherlich einige vielsagende Beobachtungen machen. Momentan lässt sich beispielsweise beobachten, wie eine regionale Regelung die Probleme regional eindämmen kann. So wurde in Mailand bereits auf regionaler Ebene reagiert. Mit einer 500 Meter Distanzregelung, die eben diese Distanz zwischen zweien Spielstätten vorschreibt, wird die Stadt im Laufe der nächsten Jahre zu 96 Prozent frei von Geldspielautomaten. Alles was es noch braucht ist die Zeit, in der die bestehenden Automatenverträge nach und nach auslaufen. Einige wenige Jahre noch. Es wird sich dann auch zeigen, ob skeptische Barbesitzer recht behalten. Diese fürchten vermutlich in erster Linie um das Fernbleiben einiger Kunden. Ins Feld führen sie aber die Argumentation, dass eine Beschränkung keinen Sinn mache, wenn man Online Wetten im Fünfminutentakt abgeben könne.

Online Wetten ungefährlicher

Studien besagen im Übrigen, dass Online Wetten weitaus weniger Suchtpotential entwickeln, als Geldspielautomaten. Grund ist die schnelle und oft automatische Einsatzabfolge der Automaten. Und was die regionale Regelung angeht ist Deutschland im Übrigen schon lange auf einem guten Weg. Glücksspiel wird hier auf Länderebene geregelt. Deshalb darf beispielsweise eine Spielhalle im liberalen Hessen weitaus länger in die Nacht hinein geöffnet lassen, als es in Baden-Württemberg der Fall ist, wo um Mitternacht bis 6 Uhr morgens geschlossen werden muss.

Ebenfalls interessant an Italien ist aber auch das tatsächliche Marktvolumen. Während Glücksspielgegner gerne, und bewusst überzeichnet, die Vision vom spielsüchtigen Volk ins Feld führen, zeigt uns Italien, dass die Märkte selbst in einem, zugegebener Maßen etwas zu liberalen, Land ihre Grenze erreichen und nicht endlos weiterwachsen werden. Während der Gesamtumsatz mit Glücksspiel in Italien in den Jahren ab 2008 nämlich in der Folge einer unvernünftigen Öffnung des Marktes tatsächlich von etwa 40 Milliarden Euro jährlich auf das Doppelte anwuchs bleibt der Umsatz seit Jahren nahezu stabil. Seit 2011 pendelt der Umsatz mit Glücksspiel in Italien stabil zwischen 80 und 90 Milliarden Euro. Auch ohne vernünftige Regulierung findet das Wachstum also tatsächlich eine natürliche Obergrenze.

Ein wenig ist Italien das Las Vegas Europas - Jedenfalls was die Zahl der Automatenspiele angeht.

Ein wenig ist Italien das Las Vegas Europas – Jedenfalls was die Zahl der Automatenspiele angeht.

Legales Glücksspiel VS Illegales Glücksspiel

Und noch eines lässt sich beobachten. In Italien ist die Befürchtung gegeben, dass ein zu sehr zurückgedrängtes legales Angebot an Glücksspiel schnell ein Vakuum entstehen lässt, in dem sich dann illegale Anbieter breitmachen. Organisierte Kriminalität ist das Gespenst, vor dem man sich fürchtet. Italien hatte hiervon in seiner Geschichte zweifelsohne genug, um diese Angst zu begründen.

Damit zeigt sich aber auch: Was in Deutschland derzeit rege diskutiert wird, nämlich ob eine Legalisierung der Sportwetten im Internet die nicht lizenzierten Anbieter vom Markt drängen kann, funktioniert. Die Slot Maschinen in Italien haben genügt, dass die organisierte Kriminalität an den Rand gedrängt wurde und nun als Zuschauer auf ihre Chance warten muss. Denn warum zu zweifelhaften Angeboten mit gewissen Risiken greifen, wenn das Erlaubte direkt zugänglich ist? Und vor allem im Fall Deutschland: Wenn das Erlaubte vom Staat überwacht wird, sodass auch alles mit rechten Dingen zugeht.

Mehr Aufklärung statt Regulierung

Während in Italien die Lobby der Glücksspielgegner vom Staat mehr Geld für Aufklärungskampagnen gegen Glücksspiel fordert geht eine Schule in der Stadt Chiuduno, einige Kilometer nordöstlich vom Brennpunkt Mailand, andere Wege. Hier hat man einen Teil des Mathematikunterrichts, nämlich beispielsweise den der Wahrscheinlichkeitsrechnung, so angepasst, dass die Schüler nicht nur die Rechenart lernen. Sie lernen auch die geringen Wahrscheinlichkeiten bei Spielautomaten zu gewinnen und damit verbunden die Gefahr eines Verlustes richtig einzuschätzen. Im, aus Sicht der Lehrer, besten Fall haben diese gut vorbereiteten Kinder später im Leben gar kein Interesse an Glücksspiel. In einem nicht angestrebten Fall, den ich mir allerdings auch vorstellen kann, sehen sie, dass die Gewinnchancen bei Online Wetten und manchen Casino Spielen weitaus realer sind und wissen damit umzugehen.

Ein positiver Nebeneffekt, den sich sicher mancher in seiner Schullaufbahn gewünscht hätte, ist der, dass gleich ein handfest greifbarer Nutzen der gelernten Mathematik verknüpft wird. Das Gefühl „Wofür lerne ich dies eigentlich?“ ist hier sicher nicht gegeben. Wenngleich die Richtung des Lernexperiments wohl erst in Jahren ausgewertet werden kann erscheint ein Nutzen in der einen oder anderen Art weitaus wahrscheinlicher, als Verbote, die dann umgangen werden. Hier könnte vielleicht auch Deutschland noch etwas lernen, von Italien. Und wenn es nur von dieser einen Schule ist.

Bis hin zu einem Erstarken der Mafia denk Glücksspiel wird in Italien derzeit jedes kriminelle Scenario durchdacht.

Bis hin zu einem Erstarken der Mafia dank Glücksspiel wird in Italien derzeit jedes kriminelle Scenario durchdacht.

Wie geht es weiter, in Italien?

Die Italienische Regierung hat, verbunden mit der Ansage das Problem anzugehen, auch einen ersten Plan vorgelegt, wie die Zahl der Glücksspielautomaten um zwei Drittel gesenkt werden könne. Landesweit. Ob die dadurch entstehenden Steuerausfälle aber abgeschwächt werden können oder den Plan scheitern lassen steht ebenso wenig fest, wie den Umgang mit dem entstehenden Vakuum im Angebot. Langfristig gesehen werden Erfolg oder Misserfolg in Italien wohl erst in einigen Jahren messbar sein.

Italien und sein Glücksspielproblem – Ein Fazit

Eine ausgewogene Berichterstattung gebietet nicht jedes Problem zu leugnen. Und Italien hat sicherlich eines. Dass dieses aber in ganz anderen Dimensionen stattfindet, wie dass, was in Deutschland gerne heraufbeschworen wird, habe ich zu Beginn auch deutlich gemacht.

Tatsächlich halte ich persönlich eine Lage, wie sie Italien derzeit durchlebt, für recht problematisch. Schuld sind aber nicht Online Wetten. Diese gibt es ja auch dort zusätzlich zu Spielautomaten in Hülle und Fülle. Schuld sind Spielautomaten. Und dies nur in Verbindung mit einer vorschnellen, unüberlegten Öffnung des Marktes.

Und in diesem Zusammenhang darf man Italien gerne als Mahnmal sehen. Jedes Mal dann, wenn man sich wundert, was denn da so lange dauert, bei der Öffnung des deutschen Marktes für Sportwetten, dann sollte man sich Italien vor Augen führen. Eine Öffnung ist zweifelsohne gut und notwendig und dass, was sich alle Wettfans erhoffen. Vorschnell und zu unüberlegt, wie Italien vor knapp 15 Jahren, sollte man hierbei allerdings nicht vorgehen. Denn was dabei an Berichten und Diskussionen herauskommt kann im Stiefelland derzeit beobachtet werden. Und dies wäre letztendlich für keinen der Beeidigten gut. Ach nicht für die vernünftigen Spieler hierzulande. Daher möchte ich an dieser Stelle kundtun, dass die deutsche Politik in derlei Themen insgesamt trotz Diskussionsbedarf sicher keinen perfekten, doch aber einen sehr soliden Job macht. Ein zweites Italien wird es in Deutschland nicht geben.

Doch auch einige Schreckgespensterlassen sich anhand des Beispiels Italien trotz großer Probleme noch ausschließen. Der grenzenlos wachsende Markt ist ein Märchen. Ebenso die Tatsache, dass Kriminalität gefördert würde, wenn man Märkte öffnet. Eher ist es anders herum. Italien bangt gerade vor der Kriminalität, wenn wieder mehr Grenzen gezogen werden.

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