Mathematik oder Glück? Mit Adam Kucharski das Glücksspiel verstehen.

Mathematiker Adam Kucharski zeigt wie eng Mathematik und Glücksspiel verzahnt sind. Der Mathematiker und Schriftsteller hat im Mai sein neues Buch „The Perfect Bet: How Science and Math Are Taking the Luck Out of Gambling“ in englischer Sprache veröffentlicht und der Titel ist Programm. Auf Deutsch übersetzt lautet dieser „Die perfekte Wette: Wie Wissenschaft und Mathe das Glück aus dem Glücksspiel nehmen“. Damit sagt der etwas sperrige Titel nichts Anderes aus als dass, was auch ich immer und immer wieder rate. Nämlich wie wichtig aufbereitete Statistiken, oder rohe Sportdaten aus denen man sich selbst seine Statistiken zusammenfügen muss, für Sportwetten sind. Adam Kucharski geht dabei sogar noch etwas weiter und zeigt auf, dass dies Zusammenhänge sind, die in jedem Investment zum Tragen kommen. Dabei setzt der Mathematiker Glücksspiel und beispielsweise Investments an den Finanzmärkten bewusst auf eine Stufe und erklärt die Gemeinsamkeiten.

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Wie Adam Kucharski in seinem Buch Die perfekte Wette in der heutigen Zeit aufzeigt

Die perfekte Wette ist eine Wette mit Gewinn. Natürlich. Und hier ist das Wort Wette eher im Sinne von „Einsatz“ genutzt. Denn beides bedeutet im Englischen „bet“. Beim Online Buchmacher gibt man demnach ebenso seine Wette ab, wie man auch auf das Fallen einer Roulettekugel wettet. Beides ist im Grunde auch das Selbe. Bei jeder Art von Glücksspiel, aber auch bei Investments an der Börse, erhofft man sich, dass die Ergebnisse eintreten, die man vorhergesehen oder wenigstens innig erhofft hatte. Damit wären die Gemeinsamkeiten verschiedener Geldinvestments schon aufgezeigt. Beinahe klingt es zu simpel. Fakt aber ist: Wo immer Geld investiert wird, in der Hoffnung darauf mehr Geld zurück zu erhalten, wird gewettet. Ob in der Wirtschaft, im Glücksspiel oder sogar in der Politik. In letzterer, um von den reinen Inhalten des Buches kurz Abstand zu nehmen, erhoffen sich Regierungen durch Subventionen und ähnlich gelagerte Maßnahmen ihre Wirtschaft dermaßen anzukurbeln, dass am Ende wieder ein plus in Form von Steuereinnahmen steht. Soviel dazu. So oder so ähnlich erklärt das momentan leider nur in Englisch erhältliche Buch die Gemeinsamkeit von Glücksspiel und Finanzgeschäften.

Mathematik und das Glück

Das Buch „The Perfect Bet: How Science and Math Are Taking the Luck Out of Gambling“ beschränkt sich nicht nur darauf Gemeinsamkeiten verschiedener Wetten oder Investments aufzuzeigen. Es transportiert auch einige wichtige Kernbotschaften. Die eine ist die, dass sich theoretisch mit Mathematik alles und jedes berechnen lässt. Dies gilt auch für Sportwetten und Roulettespiele. Beispiele gefällig?

Kennt man am Roulettetisch die Geschwindigkeit und Stellung des Rades beim Einrollen der Kugel, sowie deren Eigengeschwindigkeit, dann lässt sich mit fortgeschrittener Mathematik leicht berechnen, wo diese zum Liegen kommt. Im Grunde handelt es sich dabei um eine Matheaufgabe der Machart „Zug A fährt mit (…) km/h aus (…) auf Zug B zu. Dieser startet in (…) Kilometern Entfernung mit (…) km/h. Wo treffen die Züge sich?“ die um diverse Faktoren, wie Reibung und Trägheit erweitert wurde. Mit genügend Zeit und Datenmaterial, und natürlich fortgeschrittenen mathematischen Kenntnissen, ließe sich dies leicht berechnen. Dies sind Beispiele, in denen man genau den Ausgangszustand einer Situation kennt.

Wetten man kann im Roulette mit Mathematik gewinnen? Adam Kucharski zeigt wie.

Wetten man kann im Roulette mit Mathematik gewinnen? Adam Kucharski zeigt wie.

Nimmt man allerdings einige Daten aus der Gleichung heraus, sodass man den Ausgangszustand nicht mehr kennt, wie etwa das genaue Gewicht der Roulettekugel, dann werden die Berechnungen ungenauer, lassen sich aber zumindest auf einen gewissen Toleranzwert hin bestimmen. Im Beispiel des Roulette Spiels im Casino könnte man beispielsweise eine Gruppe von Zahlen bestimmen, in der die Kugel zum Liegen kommt. Die vom Casino gewollten Wahrscheinlichkeiten, nach dem Motto die Bank gewinnt immer, wären zugunsten des Spielers verändert.

In der Realität ist es aber im Roulette so, dass der Spieler kaum Daten kennt. Eine Berechnung ist für ihn persönlich in diesem Moment kaum möglich. Keiner wird denken was wäre, wenn er diese Daten nun hätte. Das Ergebnis wird nicht als berechenbar wahrgenommen, sondern als Willkür. Darauf baut das Glücksspiel.

Adam Kucharski zeigt Beispiele wie das Glück überlistet wurde

Doch anders als viele andere Schriftsteller zum Thema ergeht sich Adam Kucharski nicht in reiner Theorie. Er zeigt Praxisbeispiele dafür, wie in der jüngeren Vergangenheit Mathematik und Wissenschaft dabei halfen, dass Menschen das Glück überlisten konnten. Weshalb habe ich das Roulettespiel als Beispiel gewählt? Ganz einfach deshalb, weil auch Adam Kucharski in seinem Buch „The Perfect Bet: How Science and Math Are Taking the Luck Out of Gambling“ auf dieses Spiel zurückgreift. Er zeigt ein Praxisbeispiel auf, in dem sich eine Frau und zwei Männer im Casino des bekannten Londoner Hotels Ritz im Jahr 2004 modernster Technik bedienten, um das oben noch so unmöglich klingende Überlisten des Rouletterads zu ermöglichen. Erfolgreich, sieht man einmal von der Verhaftung ab, die am Ende stand.

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Die Gruppe gewann, wie Adam Kucharski in seinem Buch beschreibt, an einem Abend 100.000 britische Pfund. Am nächsten Tag staubten die drei sogar 1,2 Millionen Pfund ab. Das Casino wurde misstrauisch und rief die Polizei. Diese konnte den Sachverhalt so aufklären, dass die Drei mit modernster Technik das Casino überlistet hatten. Mit einem modernen Laserscanner konnten die Betrüger Position und Geschwindigkeit der Kugel im Rouletterad genau bestimmen und mithilfe eines angeschlossenen Computers automatisch eine Vorhersage machen, wo die Kugel ungefähr liegen bleibt.

Das MIT – Hier kommen Glücksspielprofis hervor

Zwei ähnlich gelagerte Beispiele trugen sich am Massachusetts Institute of Technologie (MIT) zu. Die bekannte und angesehene Universität brachte gleich mehrere böse Erwachen für Casinos und Lotto hervor. Zum einen existierte einst eine Gruppe von Studenten, die mit Kartenzählen, einer Berechnungsmethode, die anzeigt wann sich noch besonders viele hohe oder tiefe Karten im Stapel befinden, die großen Casinos im Blackjack besiegten. Sehr frei und ohne viel geschichtliche Genauigkeit lässt sich dies im Buch „Bringing Down the House“ (Englischsprachig) nachlesen. Später wurde das Buch in dem Film 21 mit Kevin Spacey verfilmt.

Ein Beispiel, welches wieder aus der Feder von Adam Kucharski selbst stammt behandelt ist zum anderen eines, wo Studenten derselben Universität eine US- Lotterie regelrecht in die Knie zwangen. Mit einfacher Mathematik. Die „CashWinFall“ Lotterie aus den USA bot einst die Besonderheit, dass Jackpots ab einer gewissen Größe in der Form zwangsausgeschüttet werden mussten, dass auch die Spieler größere Gewinne erringen konnten, die nur wenige richtige Zahlen hatten. Ab einer gewissen Menge an Spielscheinen war ein Gewinn zu diesem Zeitpunkt beinahe sicher. Die Studenten fanden nicht nur eine Methode um zu berechnen wie viele Spielscheine es für einen sicheren Gewinn brauchte. Auch wie viele noch gekauft werden mussten um die Zwangsausschüttung zu verursachen konnten sie berechnen. Die Methode wurde immer bekannter und zwang die Lotterie den Ablauf gänzlich zu ändern.

Adam Kucharski zeigt auf: Auch die Wissenschaft lernt aus dem Glücksspiel

Doch nicht nur Glücksspieler können laut Adam Kucharski von der Wissenschaft profitieren. Auch anders herum funktioniert die Symbiose. Dies macht Adam Kucharski in seinem Buch ebenfalls deutlich. So zeigt er Fälle auf, in denen wissenschaftliche Fortschritte durch Glücksspiel erreicht wurden. So wurde beispielsweise die moderne Chaostheorie nur durch den Franzosen Henri Poincaré möglich. Dieser nutzte Roulette um zu veranschaulichen, wie schon bei geringfügigen Änderungen der Voraussetzungen komplett andere Ergebnisse zustande kommen.

Auch der Autor Adam Kucharski selbst nutzt Erkenntnisse aus der Glücksspielindustrie für seine Arbeit. Er befasst sich an der London School of Hygiene and Tropical Medicine mit der Früherkennung von Epidemien. Dort nutzt er Monte Carlo- Simulationen dazu vorherzusagen, ob verschiedene Erkrankungen und deren Häufung an verschiedenen Orten noch Zufall sein können, oder ob sich eine Epidemie entwickelt.

Adam Kucharski warnt: Glück und Können sollte nicht verwechselt werden

Auch auf ein weiteres Phänomen geht Adam Kucharski in seinem Buch ein. Er warnt davor, dass Menschen auch dazu neigen Muster zu erkennen, wenn dort gar keine sind. Tatsächlicher Zufall, im weitesten Sinne also Glück, wird der eigenen Fähigkeit zugeschrieben ein Muster zu erkennen, welches gar nicht existiert. Beobachten lässt sich dies am Spielautomaten. In Online Casinos oder Spielotheken. Eine nicht geringe Anzahl von Spielern glaubt daran, dass die Ergebnisse moderner Spielautomaten durch ihre Handlungen, etwa das Stoppen im richtigen Zeitpunkt, beeinflusst werden können. In diesem Bereich ist das falsch. Anders als bei Sportwetten ist hier keine Einflussnahme möglich.

Menschliche Fehleinschätzungen

Ebenfalls geht Adam Kucharski in seinem Buch auf den Zusammenhang solcher Menschlicher Fehleinschätzungen und Verlusten ein. Hier wird wieder explizit die Wirtschaft mit ins Boot geholt. Wer aufgrund eingebildeter Muster verliert, der schätzt die Lage gerne falsch ein und verdoppelt den Einsatz das nächste Mal um Verluste sofort wieder hereinzuholen. Egal ob an der Börse, am Spielautomaten oder beim Buchmacher. Wenngleich kurzzeitige Erfolge möglich sind, so zeigt Adam Kucharski auf, ist mathematisch beweisbar, dass dies auf lange Sicht meist zum Ruin führt.

Hatte er Glück oder hat er Adam Kucharski gelesen und viel daraus gelernt?

Hatte er Glück oder hat er Adam Kucharski gelesen und viel daraus gelernt?

Fazit zur Mathematik des Glücks

Einen absoluten Lesebefehl erteile ich allen für das Buch „The Perfect Bet: How Science and Math Are Taking the Luck Out of Gambling“ von Adam Kucharski. Jedenfalls dann, wenn sie des Englischen mächtig genug sind. Der Mathematiker zeigt beeindruckend auf, weshalb Glücksspiel nichts ist als Mathematik. Es werden sowohl geniale Beispiele angeführt, wie kluge Köpfe das eigene Glück tatsächlich mit Logik erzwingen konnten, es werden aber auch Gründe aufgezeigt, weshalb dies teils auch dann nicht möglich ist, wenn man es selbst erwartet. Dabei ist Glücksspiel natürlich ein Thema. Durch die vielen guten Erklärungen, die hier nicht einmal im Ansatz vollständig dargelegt werden können, und die Verweise auf Themen außerhalb des Glücksspiels und die spannenden Geschichten eignet sich das Buch aber auch als Lektüre für jene, die noch nie in ihrem Leben einen Cent gewettet haben mehr als nur gut. Komplexe Zusammenhänge kann „The Perfect Bet: How Science and Math Are Taking the Luck Out of Gambling“ nahezu perfekt einfach erklären. Selbst Mathematikmuffel finden einen interessanten und vergleichsweise einfachen Zugang dazu den Nutzen und die Herangehensweise zu verstehen. Wobei natürlich kein Schulbuch ersetzt wird. Rechnen lernt man hier nicht. Eher wird aufgezeigt weshalb sich das Erlenen lohnen kann.

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